Arbeitsmarkt Deutschland 2026: Warum selbst gute Qualifikation keine Jobgarantie mehr ist

 

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich verändert. Und zwar deutlicher, als es viele Menschen wahrhaben wollen.

Seit über 30 Jahren arbeite ich in der Personalberatung und habe in dieser Zeit verschiedene wirtschaftliche Krisen, Umbrüche und schwierige Phasen am Arbeitsmarkt erlebt. Was wir derzeit sehen, halte ich dennoch für bemerkenswert.

Unternehmen bauen Stellen ab, Werke werden geschlossen, Kurzarbeit wird angemeldet, Investitionen verschoben und Produktionsbereiche ins Ausland verlagert. Gleichzeitig werden frei werdende Positionen nicht mehr selbstverständlich nachbesetzt und geplante Neueinstellungen auf Eis gelegt.

Das Ergebnis ist relativ einfach: Mehr qualifizierte Menschen suchen einen neuen Job und treffen dabei auf weniger passende Stellen.

Und das betrifft längst nicht mehr nur einzelne Berufsgruppen.

Junge Akademiker finden trotz Studium keinen Einstieg

Jahrelang haben wir jungen Menschen vermittelt, dass eine gute Ausbildung und ein Studium die beste Grundlage für eine erfolgreiche berufliche Zukunft sind.

Grundsätzlich stimmt das natürlich weiterhin. Trotzdem erleben viele Hochschulabsolventen gerade eine andere Realität.

Bachelor oder Master abgeschlossen, Praktika absolviert, Auslandserfahrung gesammelt, gute Sprachkenntnisse und hoch motiviert und trotzdem kommt nach der Bewerbung eine Absage nach der anderen.

Besonders schwierig wird es, wenn Unternehmen Berufserfahrung verlangen, gleichzeitig aber immer weniger bereit sind, jungen Akademikern genau diese erste Berufserfahrung zu ermöglichen.

So entsteht ein Problem, das langfristig noch Folgen haben kann: Eine Generation gut ausgebildeter junger Menschen steht bereit, bekommt aber teilweise keinen vernünftigen Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Plötzlich ist Erfahrung nicht mehr nur ein Vorteil

Am anderen Ende der beruflichen Laufbahn sieht es nicht unbedingt besser aus.

Ich erlebe erfahrene Ingenieure, Spezialisten und Führungskräfte mit hervorragenden Lebensläufen, die teilweise 20 oder 30 Jahre erfolgreich gearbeitet haben.

Sie haben Teams geführt, Unternehmen aufgebaut, Projekte verantwortet, Krisen bewältigt und verfügen über genau die Erfahrung, von der Unternehmen eigentlich profitieren könnten.

Trotzdem dauert die Jobsuche mit über 50 häufig deutlich länger als erwartet.

Plötzlich stehen Fragen im Raum, die vorher kaum eine Rolle gespielt haben.

Ist der Bewerber zu teuer? Zu erfahren? Zu spezialisiert? Passt jemand, der jahrelang Führungskraft war, überhaupt noch auf eine kleinere Position? Wie lange bleibt er noch im Unternehmen?

Für die Betroffenen kann das ziemlich ernüchternd sein.

Wer jahrzehntelang beruflich erfolgreich war, rechnet meistens nicht damit, irgendwann sechs, neun oder zwölf Monate nach einer neuen Aufgabe zu suchen.

Personalabbau und Kurzarbeit verändern den Arbeitsmarkt

Bei der Diskussion über Bewerbungen wird mir ein Punkt häufig zu wenig berücksichtigt: Wir können nicht jede erfolglose Jobsuche dem Bewerber zuschreiben.

Natürlich müssen Lebenslauf, LinkedIn-Profil und Bewerbungsstrategie stimmen. Ein gutes Netzwerk ist wichtiger denn je und auch die eigene Positionierung sollte regelmäßig hinterfragt werden.

Aber irgendwann müssen wir auch über die andere Seite sprechen.

Wenn Unternehmen Personal abbauen, Standorte schließen, Kurzarbeit fahren, Investitionen zurückstellen oder Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, verschwinden Positionen.

Dann hilft auch der beste Lebenslauf nicht dabei, einen Arbeitsplatz zurückzuholen, den es schlicht nicht mehr gibt.

Der viel zitierte Bewerbermarkt ist nicht überall Realität

Gleichzeitig hören wir weiterhin, Unternehmen könnten kaum noch qualifizierte Mitarbeiter finden.

Auch das stimmt in bestimmten Bereichen.

Es gibt Branchen, Regionen und Qualifikationen, in denen Unternehmen weiterhin intensiv nach Mitarbeitern suchen. Doch daraus abzuleiten, dass qualifizierte Bewerber grundsätzlich hervorragende Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben, halte ich für falsch.

Der Arbeitsmarkt ist wesentlich differenzierter geworden.

Während ein Unternehmen händeringend nach bestimmten Spezialisten sucht, baut ein anderes Unternehmen wenige Kilometer entfernt genau diese Mitarbeiter ab.

Während über fehlenden Nachwuchs gesprochen wird, verschicken junge Akademiker Dutzende Bewerbungen.

Während Erfahrung angeblich unbezahlbar ist, fragen sich hochqualifizierte Führungskräfte über 50, warum sie kaum noch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden.

Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen und ist trotzdem Realität.

Was bedeutet das für die eigene Karriere?

Vielleicht müssen wir uns von einer Vorstellung verabschieden: Wer gut ausgebildet ist, viel leistet und beruflich erfolgreich ist, wird automatisch immer gebraucht.

Diese Sicherheit gibt es nicht mehr.

Deshalb halte ich es für wichtig, sich nicht erst mit dem eigenen Marktwert zu beschäftigen, wenn die Kündigung auf dem Tisch liegt.

Wie entwickelt sich meine Branche? Welche Kenntnisse werden in einigen Jahren noch benötigt? Wie sichtbar bin ich außerhalb meines jetzigen Unternehmens? Wie gut ist mein berufliches Netzwerk wirklich? Und würde mich ein anderes Unternehmen heute für die Position einstellen, die ich gerade innehabe?

Das sind keine angenehmen Fragen. Aber sie sind wichtig.

Genauso wichtig ist es, bei einer längeren Jobsuche nicht vorschnell an der eigenen Qualifikation zu zweifeln.

Manchmal muss eine Bewerbungsstrategie verändert werden. Manchmal stimmt die Positionierung nicht. Und manchmal ist der Arbeitsmarkt schlicht schwieriger, als man erwartet hat.

Nach mehr als 30 Jahren in der Personalberatung bin ich von einem überzeugt:

Ein guter Lebenslauf zeigt, was jemand geleistet hat. Entscheidend ist aber, daraus eine überzeugende Perspektive für die nächste berufliche Aufgabe zu entwickeln.

Genau dabei kann eine professionelle Karriereberatung helfen: den eigenen Marktwert realistisch einzuordnen, neue Möglichkeiten zu erkennen und eine Strategie zu entwickeln, die nicht nur aus dem Versenden weiterer Bewerbungen besteht.